Die Entscheidung des Kulturstaatsministers Weimer der letzten Woche, den Erweiterungsbau der DNB zu stoppen, erfüllt uns mit großer Sorge. Sie stellt eine erhebliche Gefährdung der langfristigen Sicherung des kulturellen Gedächtnisses in Deutschland dar. Die aktuelle Klarstellung Herrn Weimers, den Erweiterungsbau im Rahmen der laufenden Haushaltsverhandlungen zu prüfen ist ein gutes Signal, zugleich bleibt die Situation für die Informationsinfrastruktur in Deutschland unsicher.
Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) steht vor akuten Kapazitätsgrenzen; der geplante Erweiterungsbau soll die – gesetzlich gebotene – Aufbewahrung von rund 35,5 Millionen Medieneinheiten für die kommenden Jahrzehnte gewährleisten. Bereits heute sind die Magazinflächen nahezu ausgeschöpft. Nach der nun kommunizierten Position handelt es sich um ein Moratorium, verbunden mit einer erneuten Prüfung von Finanzierung und Planung. Damit ist das Vorhaben grundsätzlich offen, jedoch nicht abgesichert. Angesichts nahezu ausgeschöpfter Magazinflächen und kontinuierlich wachsender Bestände besteht jedoch akuter Handlungsbedarf.
BID begrüßt, dass die Bedeutung der DNB als zentrale Gedächtnisinstitution anerkannt wird und das Projekt in die Haushaltsverhandlungen eingebracht werden soll. Gleichzeitig schließen wir uns der weiterhin berechtigten Kritik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, des Deutschen Kulturrats und unserer Mitgliedsverbände an. Der gesetzliche Sammelauftrag der Nationalbibliothek darf nicht durch kurzsichtige politische Entscheidungen relativiert werden und duldet keinen Aufschub oder eine strukturelle Unklarheit. Die Pflicht zur Sammlung ist gesetzlich verankert und kann nicht einseitig durch eine Schwerpunktverschiebung zur Digitalisierung ersetzt werden. Neben der seit Langem vorhandenen hybriden wie digitalen Sammlungsstrategie der Nationalbibliothek (täglich kommen knapp 10.000 digitale Werke hinzu) bleibt die dauerhafte Sicherung gedruckter Werke essenziell.
Die Vorstellung, Digitalisierung könne physische Magazinflächen ersetzen, ist fachlich unhaltbar. Die DNB sammelt bereits umfangreich digital; der geplante Erweiterungsbau hätte diese Infrastruktur mit einem dringend benötigten Data-Center gezielt gestärkt. Ein Gegeneinander von digitaler und analoger Überlieferung verkennt den gesetzlichen Auftrag und die Anforderungen moderner Wissenssicherung. Das kulturelle Erbe Deutschlands lässt sich nur sichern, wenn beide Dimensionen zusammen gedacht werden. Eine vermeintlich „nicht zeitgemäße Sammlung von Printwerken“ verkennt darüber hinaus die Rolle der Nationalbibliothek als gesetzlich verankertes Gedächtnis der Nation. Gerade in Zeiten von Desinformation ist der verlässliche Zugang zu gesichertem Wissen unverzichtbar.
BID fordert daher nachdrücklich eine zügige und transparente Entscheidung im Bundeshaushalt zugunsten des Erweiterungsbaus und Planungssicherheit für die DNB aufgrund ihres Auftrags. Die Zukunft unserer Wissensgesellschaft darf nicht gegen vermeintlichen Bürokratieabbau ausgespielt werden. Digitalisierung und physische Überlieferungen sind keine Gegensätze, sondern gemeinsam die Voraussetzung für kulturelle Nachhaltigkeit.
Bibliothek & Information Deutschland (BID) e.V. ist der Dachverband der Institutionen- und Personalverbände des Bibliothekswesens und zentraler Einrichtungen der Kulturförderung in Deutschland. Mitglieder des Dachverbandes sind fünf Verbände und Einrichtungen. BID ist eine Plattform für den fachlichen Austausch der bibliothekarischen Verbände und vertritt gemeinsame Interessen ihrer Mitglieder im gesellschaftlich-politischen Kontext. Dabei arbeiten wirauf europäischer und internationaler Ebene mit den Verbänden des Bibliotheks- und Informationssektors zusammen.


